Unter narzisstischen Beziehungsstrukturen leiden in einer Partnerschaft oft die Frauen. Die Beziehungen sind geprägt „von einem Hin und Her zwischen Zuckerbrot und Peitsche“, erläutert die Diplompsychologin Dr. Bärbel Wardetzki aus München. Sie hat sich in ihrem Buch „Eitle Liebe“ und Fachartikeln mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen und Beziehungen beschäftigt.
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Dr. Bärbel Wardetzki
Foto: Maik Kern
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Häufig finden sich in solchen Partnerschaften ein grandioser Narzisst – sehr häufig der Mann – und eine Komplementär-Narzisstin zusammen. Die Beziehung kann, ganz besonders zu Beginn, der „Himmel auf Erden“ sein. Denn der grandiose Narzisst ist oft ein charmanter Verführer. Doch langfristig mündet es für die Frau in einen „Teufelskreis aus immer mehr Selbstentwertung und Anpassung, weg vom selbstbestimmten Leben“, so die Expertin. Der Leidensdruck, dessen wahre Ursachen sich viele Frauen lange nicht bewusst werden, wird dann über körperliche Beschwerden und Krankheit ausgelebt. Im Interview gibt Wardetzki Tipps, wie eventuell auch der Hausarzt, bei dem die Frau dann vorstellig wird, solchen Ursachen auf die Spur kommen kann.
Medscape: Mit welchen Symptomen werden die „Opfer“ von Narzissten typischerweise beim Hausarzt vorstellig?
Wardetzki: Das ist vielfältig. Oft ist es eine eher depressive Symptomatik. Oder auch psychosomatische Probleme, chronische Schmerzen, Appetitlosigkeit oder allgemein Essstörungen – etwa bei Frauen, die sich in ihren narzisstischen Partnerschaften permanent entwertet fühlen. Menschen, die unter einem narzisstischen Chef leiden, kommen auch oft mit einer Burn-Out-Symptomatik.
Wobei mir der Begriff „Opfer“ nicht so gefällt. Denn wenn die Frau sich als Opfer definiert, hat sie schon verloren. Denn sie macht sich dadurch hilflos und handlungsunfähig. Und nicht selten bringen ja auch diese Frauen ihre eigenen Anteile in diese skurrile Form der Beziehung mit ein. Und haben oft auch ihren „Gewinn“ dabei.
Oft ist es ein sehr langer Prozess, bis diese Frauen begreifen, dass ihre Probleme Teil der Beziehungsdynamik sind. Selbst wenn sie in psychotherapeutischer Behandlung sind, vergeht oft viel Zeit, bis ihnen bewusst wird, dass nicht sie alles falsch machen, sondern, dass sie Dinge vom Partner übernehmen, die eigentlich gar nicht ihr Ding sind.
Medscape: Können Sie genauer erläutern, was damit gemeint ist?
Wardetzki: Die narzisstische Beziehungsdynamik beinhaltet ja, dass der grandiose Narzisst in der Partnerschaft alles, was an ihm schlecht ist, auf das Gegenüber projiziert und im Gegenüber bekämpft. Das heißt, er wird immer leugnen, einen Fehler gemacht zu haben – und schafft es, die Schuld der Frau in die Schuhe zu schieben. Denn er muss sein eigenes Selbstwertgefühl und Selbstbild aufbauen und erhalten, indem er selbst fehlerfrei ist. Er benutzt die Partnerin, um sich zu entlasten.
Und die Frauen sind bereit, das anzunehmen, weil sie selbst nicht so viel von sich halten und dann alle Schuld und die Verantwortung für alles, was falsch läuft, übernehmen. Das entspricht natürlich oft der weiblichen Art, zunächst sich selbst infrage zu stellen, bevor man den anderen infrage stellt. Wenn sich zwei solche Partner finden, passt das perfekt zusammen – insofern übernehmen die Frauen Dinge, die nicht zu ihnen gehören, sondern eigentlich zum Partner.
Medscape: Als Arzt weiß ich ja oft wenig über solche Hintergründe, wie kann ich trotzdem den Ursachen auf die Spur kommen?
Wardetzki: Als Arzt kann ich fragen: Wie ist Ihre Lebenssituation, sind Sie bestimmten Belastungen ausgeliefert? Erzählen Sie von Ihrem Leben! Wie ist Ihre Beziehung – haben Sie das Gefühl, das sie tragfähig, nährend ist? Mit solchen Fragen kann man vielleicht Denkprozesse in Gang bringen, so dass die Frau beginnt zu hinterfragen: Wie sieht es aus in meiner Beziehung, in meiner Familie? Bin ich da so zufrieden? Solche Fragen funktionieren dann als eine Art Flaschenöffner …